Sehhilfe für das Gute

Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen das Gute und Helle zu sehen. Mir scheint das eine existentielle Aufgabe für die Gesundheit des Menschen zu sein. Natürlich gibt es viele Herausforderungen und Probleme in der Welt. Und es ist wichtig, dass wir sie sehen, um sie einer guten Lösung zuzuführen. Aber es gibt eben auch die Wunder und Leuchtsterne.

Manchmal gibt es bei den Menschen eine sonderbare Lust am Schlechten. Wir haben ganze Teleskope dafür entwickelt, das Haar in der Suppe zu finden. Doch deswegen muss die Suppe nicht ungenießbar sein. Vielleicht schmeckt sie wunderbar. Natürlich kann ich mich endlos über das Haar aufregen. Dass darüber die Suppe kalt wird, ist aber nicht ihre Schuld. Achtlos wird auf Seite geschoben, was mir als Freude zubereitet wurde.

So richtig es ist, die Schattenseiten zu sehen, so wichtig ist es aber auch, für die Lichtblicke nicht zu erblinden. Wozu hat Gott uns zwei Augen geschenkt? Ich glaube, dass Dankbarkeit die entscheidende Sehhilfe für das Gute ist. Ich nenne sie deshalb den dritten Sinn der Seele. Vom arm und leer Werden, über das Staunen, führt der Weg direkt zur Dankbarkeit. Sie ist eine Liebeserklärung an das Leben. Ein dankbarer Mensch erfreut sich an dem, was ihm geschenkt wird. Er hadert nicht über das, was ihm versagt bleibt. Dankbarkeit sucht über die Gabe den Geber. Im Teilen kommt sie an ihr Ziel, weil der Reichtum des Herzens kein Eigentumsrecht kennt. Mit diesem Geheimnis ist die Dankbarkeit vertraut. Plötzlich offenbaren sich kleine Wunder und kommen zum Vorschein. Ein innerer Friede stellt sich ein.

Umgekehrt gilt, dass Undankbarkeit keinen Raum lässt für den Blick auf Geschenke. „Nein, das habe ich mir selbst verdient“, höre ich die Menschen sagen. Und jenes sei sowieso „eine Selbstverständlichkeit“! Schließlich sprechen wir davon, dass wir „ein Recht darauf haben“. Am Schluss haben wir auf alles einen Anspruch. In dieser Begehrlichkeit drückt sich ein innerer Unfriede aus. Oft steigert er sich in Wut und Angst hinein. Es entsteht dann eine gefühlte Bedrohungslage, die gar nicht vorhanden ist. So geraten Menschen in den Strudel des Abwehrkampfes und der Selbstverkrampfung. Am Ende erblinden sie und können das Gute und Helle nicht mehr sehen, fühlen sich vielleicht sogar verfolgt und entwickeln ganz sonderbare Ideen. Optimisten und Visionäre sind jetzt nur noch naiv oder sogar gefährlich. Auf jeden Fall sind sie dumm. Schließlich werden sie verfolgt, zumindest nieder gebrüllt.

Gerade in dieser Zeit, in der uns schlechte Nachrichten überrollen und Verschwörungstheorien herumgeistern, ist es besonders wichtig, Dankbarkeit zu entwickeln. Dann sehen wir auch das Gute und Helle. Daraus erwächst die Kraft inneren Friedens, um die Herausforderungen unserer Tage zu meistern.

Mit frohem Gruß

Euer Mitpilger Volker

                                                                                                                      Foto: Dorothea Krieger

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