“Erwarten wir das Unerwartete”

„Früher war alles besser. Und überall geht es bergab.“ Diese Stimmen höre ich in letzter Zeit wieder häufiger. Kein Wunder, dass dann die Stimmung im Land und in der Welt angeschlagen ist. Es ist wichtig zu erkennen, dass diese Aussagen schlicht falsch sind, wenngleich die Herausforderungen, vor der wir stehen, tatsächlich groß sind. Doch wer Angst vor der Zukunft hat wird handlungsunfähig für die Gegenwart und muss die Vergangenheit verklären. Das ist keine verantwortbare Option und in der Politik wie in der Religion sehr gefährlich.

Zukunftsforscher machen uns darauf aufmerksam, dass das Bild, das wir von der Zukunft in uns tragen, die Wahrnehmung der Gegenwart bestimmt. Wer für die Zukunft schwarz sieht, nimmt auch im Hier und Jetzt nicht das Licht wahr, sondern nur die dunklen Wolken seiner unheilvollen Ängste. Erwarten wir aber eine lebensfrohe Zukunft, entdecke ich die Sonnenstrahlen am Horizont, die mich schon jetzt erwärmen und Kraft zum Gestalten schenken. Im bestimmten Sinne empfangen wir damit jetzt schon, was wir für die Zukunft erwarten. So oder so.

Unsere Wahrnehmung wiederum bestimmt unser Denken. Wir haben also eine Mitverantwortung dafür, ob wir dunkle Gedanken in unseren Köpfen haben oder helle. Danach richtet sich schließlich auch unser Handeln, und wir nehmen direkten Einfluss, wie die Gegenwart sich verändert und wie die Zukunft wird. Heller oder dunkler. Unsere Gefühle und unsere Haltung gegenüber der Zukunft steuern, wie sich in unseren Köpfen aus einzelnen Ideen ganze Bildwelten entwickeln: Visionen und Geschichten, in denen wir unsere Zukunftswelten zu den Menschen tragen. Wir stecken uns mit Zukunftsgedanken also an. Daraus entstehen kollektive Überzeugungen, geteilte Glaubenssätze, die wiederum ganze Massen zu Handlungen in dieselbe Richtung motivieren können. So entstehen Bewegungen. Wir haben also Spielräume dafür, dass jene Zukunft, die wir für erstrebenswert halten, wahrscheinlicher wird. Zukunft ist ein gemeinschaftliches Projekt.

Im Advent üben wir dieses Projekt ein und entscheiden uns für die lebensbejahende Perspektive. Es ist die Zeit der Erwartung. Die Bibel stellt uns wunderbare Bilder der Zukunft vor Augen, die uns mit Zuversicht und Kraft für das Hier und Jetzt erfüllen. So wird die Zeit der Erwartung mit Vorfreude gesegnet. Indem die Christen die biblischen Visionen einander erzählen, teilen, feiern und gemeinsam daran glauben, wachsen Licht und Zuversicht. Zukunft beginnt Gegenwart zu sein. Das meint Jesus, wenn er davon spricht, dass das Reich Gottes angebrochen ist. Ursprünglich war das Christentum eine lebensfrohe und hochansteckende Bewegung zum Guten!

Wir arbeiten also immer an unserem eigenen Untergang oder unserer Auferstehung. Wir müssen uns entscheiden! Achte darauf, was Du wahrnimmst, was Du erzählst, was Du weiter gibst und tust. Es geht um Dein Leben. Deshalb ruft uns der Advent auf, wachsam zu sein und uns in der Wahrnehmung zu schulen. Denn das Zarte, Helle, Schöne und Liebevolle drängt sich nicht auf. Das Böse und Dunkle hingegen beansprucht Raum und präsentiert sich überall.

Der Prophet Jesaja hatte eine wunderbare Vision in seinem Herzen und war deshalb in seiner Wahrnehmung besonders geschult. Israel lag am Boden. Überall war nur Untergang zu spüren. Das Volk war vom Glauben abgefallen und der verlorene Krieg hat das Land in Schutt und Asche getaucht. Jesaja steht vor einem mächtigen, aber gefällten Baum und erkennt in ihm das Schicksal seines Volkes. Doch da sieht er, was alle anderen übersehen. Aus dem Baumstumpf wächst ein junger Zweig hervor. Ein neuer Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. In diesem unscheinbaren Zeichen schaut er jetzt schon den Erlöser der Welt. So kann er weiter sehen und spricht: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein helles Licht auf.“ Es wird die Zeit kommen, da wird sein Volk auch dieses Licht sehen.

Jesaja, du Prophet aus alter Zeit. Du erblickst ein helles Licht, wo alle nur schwarz sehen. Deine Hoffnung  ist deine Kraft. Das Licht, von dem du kündest, brennt in deinem Herzen. Seit jeher hat dein Feuer andere angesteckt. Deine Verheißung hat vielen Menschen Licht in ihre Finsternis gebracht. Lass mich dieses Licht sehen. Lass es hell werden in meinem Herzen, damit ich die Fackel deiner Leidenschaft weitertrage zu den Menschen dieser Tage.

Doch in diesem Lichte sieht Jesaja noch tiefer: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Und dieses Kind wird Friede bringen für alle Völker und die ganze Schöpfung. (Jes 11)

Noch sind es 700 Jahre bis zur Erfüllung dieser Vision. Doch Jesaja hat sich so tief in die Gedanken Gottes versenkt, dass er vom Künftigen sprichst, als sei es schon Wirklichkeit geworden. Uns ist ein Kind geschenkt! Zukünftiges ist für ihn gegenwärtig. Was einst geschehen wird bestimmt schon jetzt sein Leben. Diese Gewissheit im Glauben ist unglaublich. Das Wissen um seine Erlösung befreit Jesaja zum erfüllten Leben hier und jetzt.

Lasst uns mit Jesaja glauben und Gott trauen, dass dieses Kind dir und mir geboren ist!

Mit frohem Gruß Euer Mitpilger                                                        Foto: Volker Krieger

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